Astrologie – Demontage einer hilfreichen Wissenschaft

Was uns derzeit unserer Wachstumsmöglichkeiten beraubt

Astrologie beschreibt dem Menschen innewohnende psychische Kräfte. Menschen erforschen und benennen diese Kräfte seit Menschengedenken. Daher gaben wir diesen Kräften Namen, lange bevor die moderne Psychologie erfunden wurde. Diese Namen haben sich erstaunlicherweise bis heute überliefert, obwohl sie aus heutiger Sicht kurios und skurril erscheinen. „Widder“ heißt die Kraft in uns, die Tatsachen schaffen kann und will. „Stier“ heißt die Kraft in uns, die sicherstellt, dass wir nach dem ersten Impuls zu leben auch auf dieser Welt bleiben wollen und können …. man kennt die weiteren zehn Beschreibungen aus den Tierkreiszeichen.

Wir gestalten mit den uns zur Verfügung stehenden inneren Kräften unsere Welt. Immer gibt es unzählig viele Möglichkeiten, unsere inneren Potentiale Wirklichkeit werden zu lassen.
Astrolog*innen, die ihre Interpretation dieser archetypischen, in ihrer ganzen Tiefe niemals vollends beschreibbaren Kräfte als Wahrheit darstellen, verstehen diese Kunst meiner Ansicht nach falsch. Denn auf welche Weise die in Sternen abgebildeten Energien dann tatsächlich formieren, bleibt doch immer ein Geheimnis des Lebens.

Rat für Unerklärliches

Aufgrund der außergewöhnlichen Zeiten erlebt die Astrologie derzeit ein Hoch. Menschen suchen Rat für Unerklärliches und wenden sich Quellen zu, die sie vorher nicht zu Rate zogen. Alle Stilblüten, Auswüchse und Gefahren, die Astrologie in Menschenhand immer schon barg, erfahren dieselbe Aufwertung. Das kann man belächeln oder sich darüber die Haare raufen. Ich gehöre zu Letzteren, da ich sehe, wie hilfreiche Möglichkeiten der Sternenwissenschaft damit zunichte gemacht werden. Es kommt mir vor, als würden Heilpraktiker*innen wie ehedem wieder Hühnerkot in Wunden reiben, um diese zu heilen und damit den gesamten Berufsstand demontieren.

Pluto in Verbindung mit den Steinbock-Kräften (in dessen Zeichen er steht, und 2020 dort in Verbindung mit dem SteinbockHerrscher Saturn) wird munter als „Gewalt“ und „Repression“ vom „Staat“ dargestellt. Wie verblüffend: Es gibt tatsächlich Restriktionen, es gibt staatlich angeordnete einschränkende Maßnahmen, viele leiden darunter. Ja, dies kann tatsächlich eine Verbindung der beschriebenen astrologischen Kräfte sein. Es ist verblüffend, wenn von den geäußerten Vermutungen etwas zutrifft. Das sichert Bewunderung und Aufmerksamkeit der Mitmenschen.

Ebenso hundertprozentig kann diese Sternenkonstellationen für ein kleines Kind in der Trotzphase, das an der Supermarktkasse einen Lutscher will und von den Eltern verweigert bekommt, ein schlimmes Steinbock-Pluto-Erlebnis sein. Dem unbedingten Verlangen (Pluto) wird Einhalt geboten (Saturn).

Pluto ist nicht „Gewalt“

Pluto ist nicht „Gewalt“, wie es leider derzeit oft zu lesen ist. Gewalt ist eine von unzähligen Manifestationen plutonischer Kräfte. Pluto ist in erster Linie als Herrscher des Zeichens Skorpion für alles (alles, alles) zuständig, was wir noch nicht selbst sind und nicht in unserem sicheren Zugriff haben. Sein Einfluss in unserem Horoskop und als aktueller Transitplanet sorgt dafür, dass wir uns niemals selbst genügen, sondern – von Begehren und Verlangen getrieben – wachsen wollen. Wachstum kann schmerzen, wenn wir an unseren alten Formen zu sehr hängen. Dieses Spannungsverhältnis provoziert oft genug gewalttägige Ereignisse auf der Welt.

Die erlebten Einschränkungen Staaten und Mächtigen zuzuschreiben, beraubt uns als Individuen unserer Wachstumsmöglichkeiten. In der Psychologie nennt man das Projektion. Schmerzhaftes Wachstum wird vermieden, indem ich Ungeliebtes anderen zuschreibe, was ich an mir nicht sehen mag. „Da, der ist schuld, er lässt mich nicht …!“ anstatt „Oh je, vielleicht ist mein Verhalten nicht in Ordnung.“
Die Astrologie ließe problemlos viele weitere Interpretationen zu: Pluto-Steinbock fordert auf, mein gesellschaftliches Engagement (Steinbock) zu überprüfen (Pluto). „Habe ich getan, was notwendig ist?“
Die Astrologie ließe hier auch die Frage zu, ob ich es mir in der Vergangenheit zu bequem gemacht habe und Pluto mich jetzt zwickt und Nachbesserung fordert.

Habe ich meine persönliche Lebenswirklichkeit (Steinbock) so gestaltet, wie ich es vor mir, vor meinen Liebsten, vor meinen Kindern und Mitmenschen verantworten mag? Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, wird Plutos Antwort mehr oder weniger angenehm ausfallen.

Saturn ist nicht „der Staat“

Wer im Angesicht der Pandemie selbige leugnet, lebt auf krasse Weise an der Wirklichkeit (Steinbock) vorbei. Pluto kommt da vielleicht als gefühlter Zwang daher, der auf Staat und „Schlafschafe“ projiziert wird, wenn die eigene Traumblase zugunsten der realen, mitunter unangenehmen Tatsachen (Saturn) nicht verlassen werden will.

Dass es wirklich viel zu tun gibt, um einen Staat gut zu organisieren, liegt auf der Hand. Pluto in Steinbock gibt hier genügend Impulse und das Verlangen nach Verbesserungen. Das Anerkennen von Tatsachen ist Voraussetzung dafür.

Die wechselnden Vorstellungen einer möglichen Weltverschwörung zugrunde zu legen, lähmt und verstellt den Blick auf das, was getan werden muss und kann (Steinbock). Solange wir Verschwörungsdenken (Pluto, ja, das ist Pluto auch!) nachhängen, blockiert er unsere Selbstwirksamkeit (Steinbock).

Pluto-Steinbock kann im Positiven sein, bessere Konzepte für eine bessere Gesellschaft zu finden; den nicht erhaltenen Lutscher an der Supermarktkasse zu verkraften; in eine verantwortungsvolle Position hineinzuwachsen; ganz allgemein die Sicht auf die eigene Lebensrealität zu erweitern; sich verantwortungsvoller oder vorsichtiger zu verhalten als zuvor uvm.

Nutzen wir die Astrologie, um Handlungsspielräume zu erweitern. Es geht mit den Sternen um unsere inneren Wirklichkeiten und Chancen. Leider ist es einfacher, den bösen Nachbarn, die damals lieblose Mutter oder den Staat für unser Elend verantwortlich zu machen. Das haben wir Menschen immer schon gern getan und extra Sündenböcke dafür erfunden, die man in die Wüste jagen kann. Dann kann man wieder ein Jahr lang so tun, als wäre die Welt in Ordnung, anstatt sich selbst zu hinterfragen.